Kolonialismus, fossile Energien und Klimakrise

Fact-Sheets zur Gaskostenfalle Teil 3/5

Die Klimakrise ist nicht nur eine Frage von CO₂, Temperatur und Technik. Sie ist auch eine Frage von Macht und Gerechtigkeit. Denn die Länder, die historisch am meisten Treibhausgase ausgestoßen haben, sind nicht dieselben, die heute am stärksten unter den Folgen leiden. Der Globale Norden ist Hauptverursacher der Klimakrise, während viele Länder des Globalen Südens besonders verletzlich gegenüber Dürren, Überschwemmungen, Ernteausfällen und Hitzewellen sind (Ituen & Kennedy-Asante, 2019; Böhm, 2022).

Diese Ungleichheit hat eine lange Geschichte. Kolonialismus bedeutete nicht nur politische Herrschaft über andere Gebiete. Er bedeutete auch, dass Land, Arbeit und Rohstoffe anderer Regionen für den Wohlstand Europas nutzbar gemacht wurden. Wälder wurden und werden gerodet, Plantagen aufgebaut, Bodenschätze abgebaut und Menschen ausgebeutet. Die Gewinne flossen häufig in die kolonialen Zentren, die Schäden blieben vor Ort. In dieser Verbindung von Kolonialismus, Kapitalismus und Industrialisierung liegt auch ein Ursprung der heutigen Klimakrise (Ituen & Kennedy-Asante, 2019).

Fossile Energien sind Teil dieser Geschichte. Kohle, Öl und Gas waren nie nur neutrale Energieträger. Sie ermöglichten Industrialisierung, Wohlstand und Macht im Globalen Norden. Gleichzeitig wurden soziale und ökologische Kosten häufig ausgelagert. Das wird z.B. bei der Ölförderung in Nigeria deutlich. Im Nigerdelta haben Ölkonzerne wie Shell, Mobil und Chevron über Jahrzehnte massive Umweltschäden verursacht. Zwischen 1976 und 1996 kam es dort zu fast 5.000 Ölunfällen mit rund 1,9 Millionen Barrel ausgelaufenem Öl. Böden, Gewässer und Lebensgrundlagen wurden stark geschädigt (Deutschlandfunk, 2025).

Auch Erdgas muss deshalb kritisch betrachtet werden. In vielen Ländern des Globalen Südens ist eine verbesserte Energieversorgung wichtig für Entwicklung: für Krankenhäuser, Schulen, Industrie, Wärme und Strom. Gleichzeitig können neue Gasprojekte alte Abhängigkeiten fortsetzen. Wenn Gas vor allem für den Export gefördert wird, wenn internationale Konzerne profitieren und wenn lokale Gemeinschaften wenig mitentscheiden können, entstehen bekannte Muster: Europa braucht Energie, der Globale Süden liefert Rohstoffe, und die Folgen bleiben dort vor Ort.

Friederike Otto beschreibt diese Verbindung als „fossilistischen Kolonialismus“. Die Klimakrise trifft auf eine Welt, die bereits ungleich ist. Ob Extremwetter zur Katastrophe wird hängt nicht nur vom Wetter ab, sondern auch von Infrastruktur, Armut, politischer Teilhabe und Schutzmöglichkeiten. Koloniale Strukturen wirken dabei bis heute fort und machen viele Regionen besonders verletzlich (Otto, 2025).

Diese Kritik gilt aber nicht nur für fossile Energien. Auch die Energiewende kann koloniale Muster fortsetzen. Für Batterien, E-Autos, Windräder, Solaranlagen und Wasserstoff werden Rohstoffe wie Lithium, Kobalt, Nickel, Kupfer und seltene Erden benötigt. Wenn diese Rohstoffe unter schlechten Bedingungen abgebaut werden, wenn Land und Wasser entzogen werden oder wenn lokale Menschen kaum mitbestimmen können, sprechen Forschende und Aktivist*innen von „grünem Kolonialismus“ (Deutschlandfunk, 2025; Rosa-Luxemburg-Stiftung, 2023).

Diese Kritik ist wichtig. Sie darf aber nicht dazu führen, fossile Energien zu verharmlosen. Denn massive Ausbeutung, Umweltzerstörung und Abhängigkeit gibt es im fossilen Energiesektor schon seit Jahrzehnten. Eine gerechte Energiewende bedeutet daher mehr als den Austausch einer Energiequelle durch eine andere. Sie muss fragen, wer entscheidet, wer profitiert und wer die Schäden trägt.

Anna Lena Krug

Quellen

Böhm, A. (2022, 6. Januar). COP 26: Klimaschutz oder grüner Kolonialismus? DIE ZEIT.

Deutschlandfunk. (2025, 3. Mai). Klimaschutz auf Kosten des Südens: Ist das grüner Kolonialismus?

Ituen, I., & Kennedy-Asante, R. A. (2019, 18. November). Kolonialismus und Klimakrise: 500 Jahre Umweltrassismus. taz.

Otto, F. (2025). Fossilistischer Kolonialismus: Wie Klimakrise und globale Ungerechtigkeit sich wechselseitig verstärken. Blätter für deutsche und internationale Politik, 12/2025.

Rosa-Luxemburg-Stiftung. (2023, 30. Juni). Beware Europe’s New Green Colonialism.