Fact-Sheets zur Gaskostenfalle Teil 2/5
Fossile Energien sind nicht nur eine Frage von Technik oder Versorgung. Sie sind auch eine Frage von Macht. Wer Kohle, Öl und Gas kontrolliert, kontrolliert häufig Preise, Abhängigkeiten und politische Handlungsspielräume. Der Begriff „Fossilokratie“ beschreibt genau diese Ordnung: Öl, Erdgas und Kohle prägen Weltpolitik, Kriege und Machtverhältnisse. Autoritäre Regime werden dabei oft toleriert, wenn sie für die Energieversorgung wichtig sind (Kemfert, 2026).
Die Klimakrise verschärft diesen Zusammenhang. Cara Daggett beschreibt, dass die fossile Industrie schon immer eine autoritäre Seite hatte. Seit dem Imperialismus des 19. Jahrhunderts beruhte Wohlstand im Globalen Norden auch auf dem Zugriff auf Kohle, Öl und Gas. Dieser Zugriff ging auf Kosten von Natur, Menschen und politischen Rechten. Europa und die USA arbeiteten dabei immer wieder mit autoritären Regimen in Förderländern zusammen oder unterstützten diese sogar (Daggett, 2025).
Das betrifft auch Gas. Gas wird oft als pragmatische Lösung in Krisenzeiten dargestellt. Gleichzeitig bleibt es Teil jener fossilen Ordnung, in der Lieferländer, Konzerne, Verträge und Infrastruktur politische Abhängigkeiten schaffen. Neue Gasprojekte können deshalb kurzfristig Energieersorgung sichern, aber langfristig fossile Machtverhältnisse stabilisieren (Kemfert, 2026).
Autoritäre Tendenzen zeigen sich aber nicht nur in Staaten, die fossile Rohstoffe fördern. Sie zeigen sich auch dort, wo fossile Lebensweisen gegen gesellschaftliche Veränderung verteidigt werden. Wenn Klimaschutz bedeutet, den eigenen Energieverbrauch, Mobilität, Konsum oder industrielle Gewohnheiten zu verändern, wird er von manchen als Bedrohung erlebt. Daggett beschreibt dieses Festhalten an fossilen Energien, patriarchaler Ordnung und autoritärem Begehren als Teil der Petromaskulinität (Daggett, 2025; Deutschlandfunk Kultur, 2024).
Petromaskulinität verbindet fossile Energien, Männlichkeit und autoritäres Denken. Der Verbrennungsmotor steht dann nicht nur für Mobilität, sondern auch für Freiheit, Stärke und Kontrolle. Deutschlandfunk Kultur beschreibt, dass der „gute alte“ Verbrennungsmotor für petromaskuline Männer große Symbolkraft hat. Klimaschutz, feministische und queere Themen werden in diesen Milieus häufig als Angriff auf die eigene Lebensweise verstanden (Deutschlandfunk Kultur, 2024).
Diese Verbindung ist politisch relevant. Denn Klimaleugnung, Antifeminismus, Rassismus und autoritäre Sehnsucht treten häufig gemeinsam auf. Es geht dann nicht nur um Heizungen, Benzinpreise oder Autos, sondern um die Verteidigung überkommener Hierarchien. Natur, Arbeit und andere Menschen erscheinen in dieser Logik als etwas, auf das man zugreifen darf (Daggett, 2025).
Erneuerbare Energien können diese Machtverhältnisse verändern. Sonne und Wind sind nicht wie Öl- oder Gasvorkommen an wenige Staaten, Konzerne oder Lagerstätten gebunden. Sie können dezentral erzeugt werden: auf Dächern, in Kommunen, durch Genossenschaften oder öffentliche Unternehmen. Dadurch kann Energie weniger Mittel geopolitischer Erpressung sein und stärker Teil demokratischer Daseinsvorsorge werden (Kemfert, 2026).
Eine demokratische Energiepolitik müsste daher mehr tun, als neue Gasverträge abzuschließen. Sie müsste Abhängigkeiten von Gas, Öl und Kohle abbauen, Energieverbrauch senken und erneuerbare Energien sozial gerecht ausbauen. Denn solange fossile Energien zentrale Machtmittel bleiben, bleiben auch autoritäre Strukturen stark. Gleichzeitig müssen aber auch neue Abhängigkeiten von anderen Rohstoffen (z.B. seltene Erden) minimiert werden.
Anna Lena Krug
Quellen
Daggett, C. (2025, 30. Juni). Man muss das autoritäre Begehren begreifen: Klimakrise, Männlichkeit und der neue Autoritarismus. medico international.
Deutschlandfunk Kultur. (2024, 12. März). Das Patriarchat und der Verbrennungsmotor: eine Lovestory?
Kemfert, C. (2026, 13. Januar). Die unsichtbare Macht der Fossilokratie, die die Welt beherrscht. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung.